Leseprobe

Tod im Schatten der Burg- Lebendig begraben

Der Junge wusste nicht, wie lang er hier schon lag. Immer wieder schwanden ihm die Sinne. Er spürte seinen Körper nicht und war unfähig sich zu bewegen. Seine Zunge klebte an seinem Gaumen. Er hatte unerträglichen Durst. Das Donnergrollen in der Ferne hatte er schon seit Stunden vernommen. Als es näher kam, bemerkte er auch die Blitze am Horizont. Der anfänglich sachte Wind war in einen Orkan übergegangen. Die Geräusche unter dem Brückenbogen machten ihm Angst. Schließlich begann es zu regnen. Schwere Tropfen klatschten auf den rissigen Boden des ausgetrockneten Mühlengrabens. Mehrfach waren schon Steine aus dem Straßenbelag der Brücke nach unten gefallen. Er wusste nun, dass er sterben würde, dass es für ihn keine Rettung mehr gab, sollte nicht ein Wunder geschehen. Seit Tagen war er hier lebendig begraben. Niemand war auf seinen bewegungslosen Körper aufmerksam geworden. Weder der Besitzer des kleinen Dackels noch die spielenden Kinder hatten ihn hier unten in seiner Einsamkeit entdeckt. Unerträgliche Angst verdrängten seine hoffnungsvollen Gedanken an eine Rettung. 

Mittlerweile hatte das Unwetter zwischen den Ausläufern des Taunus im Süden und dem Vogelsberg im Osten seine volle Gewalt über der Wetterau entfaltet. Besonders betroffen waren die Städte Butzbach und Münzenberg. Auf allen Sendern der Region wurde ständig über die Ausmaße des Unwetters berichtet und die Autofahrer gebeten, die Städte großräumig zu umfahren oder noch besser ganz zu Hause zu bleiben.

In den Straßen des Stadtteiles Münzenberg wälzten sich Wasser- und Schlammmassen den Berg hinunter. Die Kanäle konnten die Fluten, die sich innerhalb kürzester Zeit gebildet hatten, nicht fassen. Von der Wucht des Wassers waren die Kanaldeckel aus ihren Verankerungen gerissen und weggespült worden. In zahlreichen Kellern hatte sich eine übel riechende braune Brühe ausgebreitet. Aus den Toiletten schossen Fontänen stinkender Kloake. Das kleine Flüsschen Wetter, das sich normalerweise in seinem Bett durch die reizvolle Landschaft des Wettertales schlängelte, hatte sich in einen reißenden Fluss verwandelt. In Ober-Hörgern drangen die Wassermassen in den trocken gelegten Mühlengraben und überfluteten diesen innerhalb kürzester Zeit.